Von Menschen mit Stöcken

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Susanne N.
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Beitrag von Susanne N. » Di 5. Mai 2009, 08:45

Hallo Frau Cantieni,
Benita Cantieni hat geschrieben:Klick klick
klick klick
klick klick
Vielen Dank für die schöne Geschichte vor meinem heute sowieso schon rausgezögerten Arbeitsbeginn!
"Erst mit Stöcken fingen die Schultern an zu mucken", davon kann mein Mann auch ein Lied singen. Ich laufe auch schon lange nicht mehr mit Stöcken. Unser Körper kanns ja gottseidank ohne Hilfsmittel (naja, vernünftige Schuhe zieh ich halt beim Wandern schon an, barfuß geh ich dann doch noch nicht ...).
Viele Grüße
Susanne

Benita Cantieni
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Von Menschen mit Stöcken

Beitrag von Benita Cantieni » Di 5. Mai 2009, 07:50

Klick klick
klick klick
klick klick

Das Klick wird schneller, forscher. Das Klick wird lauter. Es kommt näher.

"Entschuldigen Sie einen Moment."
"Ja?"
Ich drehe mich leicht nach rechts, laufe weiter.
Eine Frau mit Stöcken. Sie hält an, ich halte an, sie zieht den rechten Sporthandschuh aus und reicht mir die Hand.
"Ich bin Frau Meier, ich wohne hier in Küsnacht."
Name selbstverständlich geändert.
"Und Sie sind Frau Cantieni."
"Stimmt."
"Entschuldigen Sie, dass ich Sie hier im Wald überrumple, ich muss Sie etwas fragen."
"Okay."
Ich weiss allerdings noch nicht, ob ich es schmeichelhaft oder ärgerlich finde, nun auch noch während meines Waldlaufs mit Fragen konfrontiert zu werden.
"Ich habe Ihr neues Buch Catpower gelesen. Erst fand ich es grossartig. Dann kam das Kapitel über das Nordic Walken. Da sagen Sie, unsachgemässes Walken mit Stöcken mache die Schultern kaputt."
Ich nicke. Mein Schnellscanner hat Frau Meiers Schulter längst analysiert. Oberarmkugel im Schulterdach gefangen, der grosse Brustmuskel im Verbund mit dem Trapezius und dem Latissimus übertrainiert, die Feinmuskulatur darunter inaktiv. Ellenbogen stehen vom Körper ab ...
"Erst machte mich das Kapitel sauer, richtig sauer, ich dachte, nun seien Sie übergeschnappt, der Erfolg sei Ihnen in den Kopf gestiegen ..."
Tja, es ist so eine Sache mit dem Erfolg ... so frühmorgens im Wald ...
"... beim Walken berichtete ich meiner Freundin von Ihrer Kritik an Nordic Walking. Sie blieb mitten im Schritt stehen und sagte: Du, wenn ich mir das recht überlege, so habe ich meine Beschwerden in den Schultern und im Nacken erst, seit ich mit Stöcken laufe. Sie hat am gleichen Tag das Nordic Walken aufgegeben, wie Sie sehen, bin ich jetzt allein unterwegs."
"Das tut mir leid, Frau Meier."
"Ich las das Kapitel nochmal und entschied, dass Sie sich das gut überlegt haben müssen, bevor Sie es schrieben."
"Sehr gut sogar."
"Ich begann mich umzusehen, Sie haben Recht, die meisten, nein, praktisch alle Nordic Walker gehen mit stocksteifen Oberkörpern."
Räusper.
"Ich buchte eine Personal Trainerin, die stellte die Länge der Stöcke ein, zeigte mir, wie ich ohne Stockeinsatz und mit entspannten Schultern gehe. Und Sie möchte ich jetzt fragen: Was kann ich denn noch tun, um auch meine Schultern beim Nordic Walken glücklich zu machen?"
"Muss es denn unbedingt Nordic Walken sein, Frau Meier?"
"Ja, ich liebe es. Die Stöcke lenken mich ab, halten mich bei der Sache, es ist für mich wie Meditation... Es gibt doch auch andere Sportarten mit einseitigen Bewegungen, denken Sie an Golf. Niemand gibt Golfen auf, nur weil es die Lendenwirbelsäule einseitig belastet."
Stimmt. Die Argumentation ist logisch, ich muss lachen. Frau Meier freut sich auch.

"Also. Was kann ich tun?"
"Vor dem Walken die Brustwirbelsäule mobilisieren. Nach dem Walken ebenfalls. Und vielleicht auch zwischendurch, alle 10 oder 15 Minuten stillstehen, aufspannen, Becken und Brustkorb ausrichten, Oberarme aus dem Schulterdach befreien ..."
"Wie geht das?"
"Füsse in V-Stellung, Achse über den Fersen ausrichten. Kronenpunkt hoch. Stöcke hängen lassen, Oberarme schwer schwer schwer machen, stellen Sie sich vor, es tropft flüssiges Gold aus Ihren Ellenbogen, ja, Sie machen das prima...."
"... das fühlt sich auch gut an ..."
"... jetzt die Muskeln, Achtung, nur die Muskeln der Oberarme ausdrehen, nach hinten, ja, so ... und nun diesen Punkt in der Mitte des Brustbeines mit dem benachbarten Brustwirbel verbinden ..."
"In meiner Vorstellung?"
"Es ist mehr als Vorstellung", ich berühre leicht das Brustbein und die Brustwirbelsäule von Frau Meier.
"Ah, ja, das richtet mich sofort auf, vorne und hinten, danke."
So sind wir Schweizer, extrem höflich auch im Wald.
*Jetzt drehen Sie diesen Punkt auf Höhe des BH-Verschlusses behutsam nach links, Kopf gerade aus, nach rechts, Kopf immer gerade aus, gleichzeitig den Kronenpunkt wie einen Korkenzieher zu den Baumkronen verlängern ..."
"Ahaaaaaa ... das tut gut ... meine Schultern werden ganz leicht ... ich werde insgesamt leichter und länger ..."
"Schön."
"Wenn ich diese Übung für die Brustwirbelsäule häufig mache, kann ich dann Nordic Walken, ohne Schaden zu nehmen?"
"Ich denke schon, es wird auch die Art, wie Sie walken, verändern ..."
"Wie oft, wie lange?"
"100-mal ..."
"Das muss ich meiner Freundin berichten, vielleicht begleitet sie mich dann wieder ...", klick klick klick, Frau Meier stockt davon, winkt mit dem rechten Stock, "danke herzlich, Frau Cantieni, schön, dass Sie mir das gezeigt haben ..."
Tschüss, Frau Meier, auf Wiedersehen mit Freundin ...

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