Vom morphischen Schämen der Frauen

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SandraS
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Re: Vom morphischen Schämen der Frauen

Beitrag von SandraS » Do 24. Nov 2011, 13:55

...auch 2011 noch aktuell.
Wer dem noch weiter nachgehen will, ob Frau oder Mann, den Ursachen für Selbstzweifel, Missachtung, Minderwertigkeit, Nie-genug-Sein näher kommen will, der kann ja mal auf die Seite von Alice Miller schauen.
Besonders die Leserbriefe habens in sich.
Liebe Grüße an alle,
Sandra

Susanne N.
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Re: Vom morphischen Schämen der Frauen

Beitrag von Susanne N. » Mo 10. Aug 2009, 16:29

Hallo Benita,
Benita Cantieni hat geschrieben:
Rasieren aus Eitelkeit, schminken aus Eitelkeit, schmücken aus Eitelkeit, aufbrezeln aus Eitelkeit, schamlos sozusagen – das macht doch auch Spass.
Ja natürlich, aber so hatte ich das auch gar nicht gemeint. Ich liebe schon auch schicke Klamotten, Schuhe und so weiter. Ich meinte eben nicht das schamlose, sondern das schamvolle Aufstylen, eher aus dem Hintergedanken heraus "Ohne das bin ich nicht ok".
Viele Grüße
Susanne (geht jetzt eine Runde extradehnen und heute Abend megaschamlos essen ...;-)) )

Benita Cantieni
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Re: Vom morphischen Schämen der Frauen

Beitrag von Benita Cantieni » Mo 10. Aug 2009, 14:34

Hey, Susanne

Rasieren aus Eitelkeit, schminken aus Eitelkeit, schmücken aus Eitelkeit, aufbrezeln aus Eitelkeit, schamlos sozusagen – das macht doch auch Spass. Ich bin eitel und mag eitle Menschen.

Am Samstag erbebte Zürich unter 600 000 Menschen bei der Loveparade. Alle ungeschminkt und unrasiert, in ausgebeulten Hosen und Schlabberhemd? Lustige Vorstellung – und schon wär sie nie gewesen, die Loveparade. Da wurden grosse Nasen inszeniert und kleine. Grosse Busen und kleine. Donnerschenkel und Spargelbeine. Waschbrettbäuche und Weichpansen. Glattbrüste und Urwälder. Verwegenes und Verpatztes. Tollkühnes und Wunderschönes. Wirres und Braves. War alles da, und bestätigte mich in meiner Idee: Da tat sich was. Die gehen anders mit sich um und mit den anderen. Die vergleichen sich nicht und mich nicht. Und mir schien: Die schämen sich nicht mehr so schnell.

Ausnahmen gibt es bestimmt, bei Frau und Mann. Dass die Mehrzahl so anders ist, das finde ich einfach schön. Zum Nachmachen sehr geeignet. Sehr.

Ich bin, wie ich bin.
Du bist, wie du bist.
Er, sie, es ist, wie er, sie, es ist.
Wir sind, wie wir sind.
Ihr seid, wie ihr seid.
Sie sind, wie sie sind.

Oder so. Herzlich, BC

Susanne N.
Beiträge: 194
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Re: Vom morphischen Schämen der Frauen

Beitrag von Susanne N. » Mo 10. Aug 2009, 13:49

Hallo zusammen,
wow, Benita, was du schreibst, trifft mitten ins Mark, ins Herz, irgendwie überall hin. Und es ist (leider) so richtig wahr.
Aber Schrecken und Gespenster - hier die der Selbstablehnung, Selbstbekrittelung - lassen sich leichter bannen, wenn wir sie bereden und mit ihnen reden. Ich weiß nicht, vielleicht schämt sich ja auch der eine oder andere Mann irrationalerweise für Dinge, für die er nix kann? Und dann ist es am Ende ganz menschlich, zumindest schönheitsidealverbogen westlich-menschlich? Männer werden ja auch immer "eitler", Magersucht bei jungen Männern nimmt zu, sie rasieren sich überall, kleine Jungs gelen sich schon die Haare in einem Alter, wo meine Altersgenossen noch mit raushängendem Unterhemd und verdreckten geflickten Hosen völlig nur sich selbst und im Hier und Jetzt seiend glücklich um die Blocks gezogen sind und Abenteuer erlebt haben. Sicher ist jedenfalls, dass diese falsche Scham bei Frauen _sehr_ verbreitet ist.
Ich muss allerdings für mich selber sagen, dass diese sinnlosen Gefühle erst so richtig mit dem wachsenden Körperbewusstsein über mich gekommen sind. Wenn ich zurückdenke, war ich in der Jugend und der Zeit vorm Kinderkriegen nicht so kritisch mit mir selber. Bei der Schwangerenvorbereitung habe ich dann zum ersten Mal bewusst was von Beckenboden und so weiter gehört. Danach beschäftigt frau sich ja dauernd mit ihrem Körper, Rückbildung, Stillen usw. Will "wieder so wie früher aussehen", da fängt es dann spätestens an. Als könnte es nach der Geburt ein "wie früher" geben. Als könnte es überhaupt ein "wie früher" geben. Das Leben geht immer weiter, in uns und in denen, die nach uns kommen.
Vielleicht fallen die Geburtstermine meiner Kinder Anfang/Mitte der Neunziger ja auch nur zufällig in die Zeit der Entwicklung dieses supergestörten Schönheitswahns und ich, früher ziemlich inert gegen derlei Dinge (geh seit jeher ungeschminkt und ohne Kosmetik- und Stylefirlefanz durchs Leben), wurde von diesem Zeitgeist eben auch nolens volens mit erfasst? Irgendwie weigere ich mich ein bisschen, mein gestiegenes Körperbewusstsein als Sprungbrett für eine derlei blöde und sinnlose Entwicklung meines Selbstbildes zu betrachten. :-) Weil sie ja eigentlich ein kostbarer Schatz ist. Und wenn schon, so kann sie mir sicher auch helfen, von diesen miesen Sachen wieder loszukommen und schamlos zu werden. Ich arbeite dran ...
Alors, das sind so meine Gedanken dazu.
Grüße
Susanne

Larene Thomson
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Re: Vom morphischen Schämen der Frauen

Beitrag von Larene Thomson » Mo 10. Aug 2009, 10:36

Liebe Benita,
mir geht es wie Gadari, ich sitze hier weinend, während ich lese. Dein wunderschöner Beitrag hat tief in mir etwas berührt und einen wunden Punkt getroffen. Immer dieses Herumkritteln an mir selbst. Diese vielen Stimmen, die sagen es ist noch nicht gut genug. Und Scham ist eine alte "Mitgift", die ich nicht weiterreichen möchte. Meine kleine Tochter ist fast 2 und ruht so in sich und ist so schön und stark. Sie vergleichen nicht, sie sind einfach. Danke für die Erinnerung, die Kinder zu bestärken und zu lieben, so wie sie sind, um das zu erhalten. - Und Kompliment an Sandra, das hat sie toll hingekriegt! Laura kommt auch an meine Pinwand...
Herzlich Larene

Kerstin Lieder
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Re: Vom morphischen Schämen der Frauen

Beitrag von Kerstin Lieder » Sa 8. Aug 2009, 17:45

Ich habe auch eine solche Tochter. *stolz bin* Und es ist so, diese jungen Frauen wären nicht so, wenn wir uns nicht am eigenen Zopf aus dem Schlamassel gezogen hätten. Und Du hast mächtig mitgezogen am Zopf, Benita. Darf ich meine Zeichnung von ihr einstellen? Liegt das Thema gerade in der Luft? Ist das morphische Feld angefüllt? Also ich schick Euch ein Bild meiner Tochter, sie sind alle so, die jungen Frauen. Auch die in der Schule, die ich ab Montag wieder habe und sie können unsere Gedanken gar nicht verstehen, und das ist gut so. Viele Grüße an Euch alle
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Benita Cantieni
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Re: Vom morphischen Schämen der Frauen

Beitrag von Benita Cantieni » Sa 8. Aug 2009, 11:18

Liebe Gadari

Danke für das berührende Feedback.

Am liebsten wäre mir, wenn Sie in den anderen Foren den Link zu diesem reinstellen, etwas mehr Traffic würde meinem Forum gut tun ... Und wenn es Diskussionen gibt, kriege ich sie auch mit.

Einverstanden?

Herzlich, BC

gadari
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Re: Vom morphischen Schämen der Frauen

Beitrag von gadari » Sa 8. Aug 2009, 11:09

jetzt sitze ich hier und mir rollen vor rührung wirklich tränen.

wenn ich daran denke, wie unzufrieden ich tagtäglih mit meinem körper bin oder genauer gesagt mit seinem aussehen! dabei habe ich zwei gesunde kinder geboren, gestillt und bis heute so gut es geht in das leben eingeführt.

ich glaube, ich drucke mir ihren text aus und hänge ihn mir zur motivation in die wohnung!

darf ich den text auch in anderen foren einstellen?

Benita Cantieni
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Vom morphischen Schämen der Frauen

Beitrag von Benita Cantieni » Sa 8. Aug 2009, 10:44

Sabine schämt sich für ihre Reiterhosen.
Corinnna schämt sich für die grossen Plattfüsse.
Marie schämt sich für den grossen Hintern.
Nelly schämt sich für den kleinen Busen.
Gabriele schämt sich für die grosse Nase.
Karin schämt sich, weil sie Brustkrebs hat.
Rosalie schämt sich, weil sie einen Bauch hat.
Frauen schämen sich.
Frauen schämen sich für Dinge, für die sie nichts können.
Frauen schämen sich für schiefe Zähne und brüchige Knochen.
Frauen schämen sich für dünne Haare und grosse Ohren.

Sabine wurde als Baby in die Spreizhose gesteckt. Ihr Körper machte genau das, was von ihm verlangt wurde.
Corinna ist sehr gross, da sind halt auch die Füsse gross. Und die Plattfüsse kommen daher, dass sie sich kleiner machen wollte, um nicht so aufzufallen.
Maries Hintern ist prachtvoll.
Nellys Busen ist hübsch.
Gabrieles Nase ist richtig schön und passt in ihr Gesicht.
Karin hat nie geraucht, sich immer gut ernährt, sich viel bewegt. Brustkrebs kommt in ihrer Familie oft vor, sie ist ganz klar genetisch vorbelastet.
Rosalie hat vier Kinder. "Die hat Heidi Klum auch, schau sie mal an, die schafft das ohne Mutterbauch."
Touché. Rosalie hat mich. Ich schäme mich für meine hässlichen Beine, für mein schlaffes Gewebe.
Sharon Stone und Demi Moore und Madonna haben das nicht.
Vernunft sagt vernünftige Dinge.
"Schönheit ist deren Beruf."
"Die arbeiten einen Bruchteil von dem, was du malochst. Die sind reich. Die können sich Köche leisten, Personal Trainer, die können sich täglich stundenlang nur ihrem Aussehen widmen."
Eine Gegenstimme sagt: "Wie langweilig."
Die Stimme der Vorwürfe unterstützt die Scham.
"Du isst zuviel."
"Du trinkst zu gerne Rotwein."
"Du hast einfach zuwenig Disziplin."
"Du müsstest jeden Tag laufen. Viel mehr trainieren."
Und so weiter und so fort.
Früher, als ich mich auf solche Monologe noch einliess, da endeten sie in den Sackgassen.
Bin einfach nicht gut genug.
Nicht schön genug.
Nicht fleissig genug.
Oder:
Ich bin zu anspruchsvoll.
Ich bin zu kompromisslos.
Ich bin zu neurotisch.
Ich bin zu hässlich.
Ich bin zu dumm.

Das haben wir mal gehört und gespeichert, nicht schön, nicht gut, nicht gescheit, nicht diszipliniert.
Bestimmt. Anders wäre es nicht in unsere Köpfe geraten.
"Ich schäme mich dafür, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der Zähne nicht wichtig waren", berichtet eine Freundin, "die Kinder reicher Eltern hatten Zahnspangen und Kariesprophylaxe. Ich habe heute teure Implantate."
Ich schämte mich auch für meine Zähne. Und dafür, dass ich nicht studieren durfte.
Wir sind die Töchter der Scham.
Wir sind die Töchter der Zwischenmütter.
Der Mütter, die selbst nicht mehr in das Schema ihrer Mütter passten.
Die Zwischenmütter schämten sich dafür.
Wollten nicht mehr, was sie bekamen, wussten noch nicht, was sie wollten.
Die Zwischenmütter, die sich selbst nicht mehr und ihre Töchter noch nicht gebührend lieben konnten.

Wir haben den kritischen Blick geerbt. Wir haben ihn kultiviert. Wir haben ihn auf uns selbst gerichtet.

Ich arbeite seit Jahren daran: Bei schönen Beinen nicht neidvoll wegsehen, sondern hinschauen, geniessen, freuen, dass es das gibt.
Bei schönen Zähnen und schönen Haaren hinschauen, geniessen, freuen, dass es das gibt.
Es ist Sommer, ich habe gerade viel Gelegenheit.
Die jungen Frauen sind schön.
Sie sind unsere Töchter. (Ja, Ihre Töchter, ich habe ja keine. Shame on me, nicht mal das habe ich geschafft.)
Sie tragen den grossen Hintern mit Stolz und Lebensfreude. Den kleinen auch.
Den kleinen Busen. Den grossen Busen. Die kleine Nase. Die grosse Nase.

Gestern kam Laura, meine Nichte, 25, um ein paar Fotos zu machen, als Vorlage für eine Fotostrecke.
"Muss ich meine Achseln rasieren?"
Mir fiel ein, dass ich mich auch dafür schämte, dass mir Haare an Körperstellen wachsen, an denen nun mal Haare wachsen.
Laura kämmte sich die Haare mit den Fingern, band sie zu einem lockeren Dutt.
"Brauchst du Puder?", fragte Sandra, meine Schwester, die Lauras Mutter ist. Und die Tochter der gleichen Zwischenmutter wie ich.
"Nein", sagt Laura, "geht schon."
Sie zieht den Catsuit an, den ich ihr verpasse, geht in die Übungspositionen, freut sich, lacht, schaut sich die Fotos an, findet sich cool, ungeschminkt, unfrisiert, einfach schön.
Sie findet meinen Rock cool, findet mich cool, sagt, "du kannst diese Übung viel besser als ich, du bist schon sehr beweglich, wow, schau, wie schön du hier aussiehst, hey, das war ein toller Job ..."

Und ich meine, in diesem Augenblick zu verstehen, was ab geht: Morphologie. Evolution. Laura vergleicht nicht, Laura schaut nicht verstohlen hin, hat die etwas, was ich nicht habe, ist die schöner als ich, besser als ich, gescheiter als ich. Laura ist, wie sie ist. Sie ist die Tochter einer Mutter, die sie bestätigt hat, unterstützt hat, gestärkt hat. Sie ist die Tochter einer Mutter, die ihr sagte oder zeigte oder spiegelte, dass sie schön ist, klug ist, gescheit ist, liebenswert ist. Sie ist die Tochter meiner Schwester. Ich weiss, dass sie sich dieses Muttersein selbst angeeignet hat, denn mitbekommen hat sie das so nicht.

Also ist mein Schämen und Ihr Schämen ein morphisches Schämen, ein Auslaufschämen. Wer das kann, solche Töchter aufziehen, kann sich auch selber lieben. Einfach für sich in Anspruch nehmen, was die Töchter und Söhne erhalten. Erhalten haben. Erhalten werden.

Schamlos.

Ohne Scham leben. Muss gehen. So, wie ich ohne Schmerzen lebe. Üben. Dranbleiben. Jeden Tag ein bisschen besser machen. Und bloss nicht schämen, wenn's mal nicht klappt ...

Herzlich, Ihre BC



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